Mikhail Nemtsev hat Pädagogik, Philosophie und Gender Studies in Barnaul, Nowosibirsk und Budapest studiert. Er hat als Wissenschaftsjournalist und Hochschullehrer in Sibirien und Moskau gearbeitet, zuletzt als Dozent der unabhängigen Hochschule “Shaninka”. 2022 floh er zunächst nach Armenien. Seit dem Wintersemester 2023/24 forscht er als Sacharow-Stipendiat an der Ruhr-Universität Bochum über den Zusammenhang zwischen Moral und Politik.
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Frage: Welche Relevanz hat Wissenschaft in Kriegszeiten?

Ich glaube, dass Wissenschaft immer relevant ist. Wichtig ist, dass Kriegsthemen nicht andere Aktivitäten verdrängen, die für die Verbesserung der Menschheit notwendig sind. Diejenigen, die sich damit befassen, haben die Pflicht, trotz allem weiterzumachen. Damit will ich nicht sagen, dass sie die Umstände ignorieren sollen; im Gegenteil, als Bürger sind wir an allem beteiligt, was in der Welt geschieht. Doch als Denker müssen wir unsere besondere Aufgabe erfüllen.

Die Katastrophe vom 24. Februar 2022 zwang Tausende von Menschen, ihre Aktivitäten zu unterbrechen. Einige mussten auswandern, während andere sich in einer noch schlimmeren Situation wiederfanden. Aber die russische Intellektuellen-Community war schon vorher globalisiert und ist es heute noch stärker. Ich glaube, dass diejenigen, die den Krieg angezettelt haben, es uns unmöglich machen wollen, als Wissenschaftler, Intellektuelle und Lehrer zu arbeiten. Das würde eine Art Sieg für sie bedeuten. Dennoch werden wir unsere Arbeit fortsetzen, das ist unsere Bürgerpflicht.

Welche Bedeutung hat Andrej Sacharow für die Wissenschaft und für Sie persönlich?

Ich habe Sacharows Werke erst 2020 besser kennengelernt, als ich mit dem Moskauer Sacharow-Zentrum zusammenarbeitete. Sacharow rechtfertigte sein Engagement für das Atomprojekt mit der Notwendigkeit, neue Waffen zu entwickeln, um die Existenz der Sowjetunion und der ganzen Welt zu sichern. Als diese Arbeit erledigt war, begann er, sich mit Bürgerrechten zu beschäftigen und entdeckte, dass Menschenrechte ein zentraler Teil des Systems der Weltsicherheit und des Weltfriedens sind, und dass alle gesellschaftliche Entwicklungen auf ihrer bedingungslosen Einhaltung beruhen müssen. Dieser Zusammenhang zwischen internationaler Politik und dem Leben des Einzelnen ist heute alles andere als selbstverständlich. Zu Sacharows Zeiten (in der Sowjetunion) war schon die Idee der “Menschenrechte” ein Novum.

Sacharow hat sich nie besonders für Philosophie interessiert, doch die Entdeckung dieses Zusammenhangs war eine echte philosophische Leistung. Sie ist heute noch genauso bedeutend wie damals. Er hat das als fleißiger Gelehrter erreicht, aber danach hat er bewundernswerte Integrität und großen Mut bewiesen, um eine Politik zu entwickeln, die auf dieser Entdeckung beruht. Als ich dies über Sacharow erfuhr, war ich sehr beeindruckt und nun fühle ich mich besonders geehrt, dass ich zumindest einen gewissen Bezug zu seinem Erbe habe, indem ich mit Leuten aus der Sacharow-Gesellschaft zusammenarbeite und vor allem als Empfänger des Andrej-Sacharow-Stipendiums ausgewählt wurde.

Was bedeutet die Verleihung des Sacharow-Stipendiums für Sie?

Derzeit beschäftige ich mich mit moralischen Problemen, die in Diskussionen über den Krieg gegen die Ukraine und die Krise in der russischen Gesellschaft auftauchen. Ich untersuche, wie moralische Konzepte menschliche Entscheidungen in Bezug auf die Politik leiten. Dies ist ein klassisches Thema im Bereich der moralischen und politischen Philosophie, das in der heutigen russischsprachigen Philosophie leider stark unterentwickelt ist. Um ihre Arbeit machen zu können, brauchen Forscher Zeit für sich selbst. Dieses Stipendium unterstützt mich bei der Durchführung einiger Studien, der Vorbereitung von Veröffentlichungen und der Verfolgung von Möglichkeiten zur Fortsetzung meiner akademischen Tätigkeit in Deutschland, wo ich mich derzeit aufhalte.

Mikhail Nemtsevs Lebenslauf auf independent.academia.edu: https://independent.academia.edu/MikhailNemtsev/CurriculumVitae

 

 

Die Andrej-Sacharow-Stipendien werden vom Auswärtigen Amt im Rahmen des Projekts „Wege zur Aufarbeitung von Krieg und Diktatur“ gefördert, das von der Deutschen Sacharow Gesellschaft zusammen mit dem Medienprojekt „O strane i mire“ (Über Land und Welt) umgesetzt wird.

Foto: privat