Was Sacharow zu Russlands Krieg gegen die Ukraine sagen würde

von | 10. Feb. 2026 | Aktuell, Veranstaltung

Roderich Kiesewetter, Karl Schlögel, Caroline von Gall (Moderation), Jiří Čistecký (Tschechischer Botschafter), Nataliya Novakova sowie Oleg Orlow (v.l.)

Im Dezember haben wir mit einer großen Diskussion in Berlin an die Verleihung des Friedensnobelpreises an Andrej Sacharow vor 50 Jahren erinnert. Die Deutsche Welle hat darüber einen Bericht veröffentlicht, den wir mit freundlicher Genehmigung in deutscher Fassung wiedergeben.

Am 10. Dezember 1975 wurde der Friedensnobelpreis an Andrej Sacharow verliehen. Der Wissenschaftler, Mitentwickler der Wasserstoffbombe und wohl bekannteste Dissident der Sowjetunion konnte den Preis nicht entgegennehmen, da Moskau ihn nicht ausreisen ließ. An seiner Stelle nahm seine Frau Jelena Bonner die Auszeichnung entgegen. Aus diesem Anlass veranstaltete die Deutsche Sacharow Gesellschaft gemeinsam mit dem Projekt Land und Welt sowie der Botschaft Tschechiens in Berlin einen Diskussionsabend mit Menschenrechtsaktivisten, Historikern und Politikern.

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Zur Aufzeichnung:

Die Diskussion entwickelte sich rasch von den Erinnerungen an Sacharow und seinen Ideen hin zu einer über Russlands Krieg gegen die Ukraine und zur Bewertung der neuesten Entwicklungen. Dabei überwogen pessimistische Einschätzungen und Kritik an der zögerlichen Hilfe des Westens für Kyjiw. Scharf kritisiert wurde auch der sogenannte Friedensplan von US-Präsident Donald Trumps, weil er auf eine der Hauptforderungen Moskaus eingeht – den Abzug ukrainischer Truppen aus dem gesamten Donbas, auch aus den Gebieten, die nicht unter russischer Kontrolle stehen.

„Ein Sieg Russlands würde Putins Regime konservieren“

Oleg Orlow, ein Mitstreiter Sacharows und Mitbegründer der Menschenrechtsorganisation „Memorial“, die 2022 den Friedensnobelpreis erhielt, warnte eindringlich: Der Trumpsche „Friedensplan“, der eigentlich aus dem Kreml stamme, schlage vor, Gebiete abzutreten, als ob dort keine Menschen lebten: „Das wundert mich, das schockiert mich“, sagte er.

Im Gespräch mit der Deutschen Welle fügte er hinzu, dass er wenig Hoffnung auf ein baldiges Kriegsende habe. „Trump vertritt weitgehend die Position des Kremls, die weder mit der Position der Ukraine noch mit den Interessen Europas und der Menschheit vereinbar ist“, sagte der 72-Jährige. Er vermute, dass der Ukraine und Europa eine Neuordnung Europas wie nach dem Zweiten Weltkrieg bevorstehen: Jalta 2.0 „oder vielleicht sogar München 2.0“.

Im Herbst 2022 schrieb Orlow einen in Frankreich veröffentlichten Artikel mit dem Titel „Sie wollten den Faschismus. Sie haben ihn bekommen“, für den er in Russland zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Im Sommer 2024 kam er in einem Gefangenenaustausch frei, musste aber das Land verlassen. In seiner Rede in Berlin erinnerte Orlow daran, dass er in dem Artikel geschrieben hatte, dass Russlands Zukunft auf dem Schlachtfeld der Ukraine entschieden wird: „Ein Sieg des Putin-Regimes in der Ukraine ist nicht nur ein Grauen für das ukrainische Volk. Es ist nicht nur ein Debakel für Europa. Es ist eine üble und elende Zukunft für Russland, weil ein Sieg das faschistische, militaristische Putin-Regime konservieren wird.“

Dies bedeute, dass der Krieg unweigerlich nach Europa kommen werde, fügte Orlow hinzu. Er bemängelte, dass Wählerinnen und Wähler hierzulande zu wenig Verständnis dafür hätten.

Die Suche nach einem modernen Sacharow

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Roderich Kiesewetter kritisierte die von seiner Partei geführte Bundesregierung für ihr Zögern und ihre Unentschlossenheit gegenüber Kyjiw, insbesondere wegen des Verzichts auf die Lieferung von Taurus-Marschflugkörpern:

„Bei uns wird sehr klar gesagt: Die Ukraine hat keine Chance, aber wir stehen unverbrüchlich an ihrer Seite, aber Russland ist ungeheuer stark und wir riskieren keine nukleare Eskalation.“

Der Osteuropa-Historiker Karl Schlögel zeigte sich während der Diskussion ebenfalls pessimistisch und kritisierte die Passivität der deutschen Gesellschaft, die kaum mehr öffentlich gegen den Krieg protestiere: „Kein Mensch geht vor die russische Botschaft und stellt sich auf die Straße oder vor die amerikanische Botschaft und sagt „Shame on you!“

Die Gesellschaft, fügte er hinzu, bewege sich nur dann „ich muss es ganz brutal sagen, wenn sie etwas in die Fresse kriegt“. Deutschland sei selbst nicht bereit, Risiken einzugehen und übertrage diese Verpflichtungen einfach auf andere, in diesem Falle die Ukraine. Wladimir Putin drohe Europa täglich mit Krieg, aber Europa sei nicht bereit, diese Herausforderung anzunehmen.

Schlögel konstatierte, dass es heutzutage niemanden gebe, der wie Andrej Sacharow Dinge ansprechen und Menschen vereinen könne. Er fragte, wo die heutigen Sacharows seien, die sein Erbe fortsetzen könnten. Auf diese Frage antwortete Orlow im Gespräch mit der Deutschen Welle wie folgt: „Vielleicht wird man mit historischem Abstand sagen können, dass es diese Menschen gab und ihre Stimmen in Europa gehört wurden. Aber man muss verstehen, dass es Menschen vom Format Sacharows nur ein- oder zweimal im Jahrhundert gibt.“

Orlow betonte, dass Sacharow – der zu Lebzeiten die Entsendung sowjetischer Truppen nach Afghanistan verurteilt hatte – als starke Persönlichkeit vehement gegen diesen Krieg protestiert hätte: „Er hätte gesagt, was heute viele sagen. Und wofür auch viele ins Gefängnis gehen. Das Narrativ, dass die Stimmen der russischen Opposition und der Antikriegsbewegung nicht zu hören seien, weise ich entschieden zurück.“

Zusammenarbeit zwischen Ukrainern und Russen ist möglich

Zum Ende der Diskussion ging es um die Frage, dass viele ukrainische Aktivisten einen Dialog mit Russen ablehnen. Die ehemalige Grünen-Politikerin Marieluise Beck bedauerte eine Tendenz zum „vollständigen Bruch“, vor allem im Bereich Kultur, „selbst mit russischen Staatsbürgern, die auf der Seite der Ukraine stehen“. Hoffnung sah Beck beim Engagement von Menschenrechtsaktivisten wie Orlow und Nataliya Novakova.

Die Ukrainerin Novakova, Geschäftsführerin des NGO-Netzwerks Civil Society Forum, saß auf dem Podium neben dem Russen Orlow. Sie warb um Verständnis für diejenigen Ukrainer, die während des Krieges keinen Dialog mit Russen wollen. Dennoch sei praktische Zusammenarbeit möglich. Als Beispiel nannte sie die Initiative People first, die unter anderem bei der Befreiung von Kriegsgefangenen und inhaftierten Zivilisten hilft. „Ohne Öffentlichkeit ist vieles möglich“, sagte Novakova über die Kontakte zwischen Russen und Ukrainern.

Orlow betonte, dass für einen normalen Dialog die russische Gesellschaft sich ihrer Schuld und Verantwortung bewusst werden müsse. Er verwies auf Karl Jaspers Buch „Die Schuldfrage“, über die Verantwortung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg: „Alle Russen müssen ihre politische Schuld anerkennen“, sagte Orlow. Moralische Schuld müsse jeder mit sich selbst ausmachen.

Orlow berichtete, dass während seiner Besuche in der Ukraine „einige Aktivisten“ ihm das Gespräch verweigert hätten. Insgesamt sei er aber beeindruckt und überrascht gewesen von der Gesprächsbereitschaft derjenigen, die russische Besatzung und Folter erlebt und überlebt hatten und die Ermordung von Angehörigen verschmerzen müssen. „Diese Menschen haben mit uns gesprochen“, sagte Orlow. „Das ist das Wichtigste.“ Er rief dazu auf, sich für die Freilassung politischer Gefangenen in Russland einzusetzen, von denen sich viele gegen den Krieg ausgesprochen hätten. Diese Menschen dürfe man nicht vergessen.

Autor: Roman Goncharenko; Deutsche Fassung: Helene Amann

Die Diskussion war eine Gemeinschaftsveranstaltung der Deutschen Sacharow Gesellschaft, des Medienprojekts Strana i mir: Sakharov Review und der Botschaft der Tschechischen Republik. Sie fand im Rahmen des vom Auswärtigen Amt unterstützten Projekts „Wege zur Aufarbeitung von Krieg und Diktatur“ der Deutschen Sacharow Gesellschaft statt.

Schlagwörter: Andrej Sacharow · Deutsche Welle · Friedensnobelpreis · Menschenrechte · Sowjetunion