Welche Rolle spielt Angst bei der Konsolidierung des Putin-Regimes und der gesellschaftlichen Unterstützung für Krieg gegen die Ukraine? Das waren Kernthemen eines wissenschaftlichen Kolloqiums, das die Deutsche Sacharow Gesellschaft kürzlich in Berlin mit dem russischen Meinungsforscher und stellvertretenden Leiter des Lewada-Zentrums Lew Gudkow abgehalten hat..
Angst ist laut Gudkow Teil der politischen Kultur Russlands. Nach dem Ende der Sowjetunion habe es ein Gefühl gegeben, dass mit dem politischen Wandel auch die Angst enden würde. Jedoch sei keine Aufarbeitung der durch staatliche Willkür und Gewalterfahrungen erlebten kollektiven Ängste erfolgt. Stattdessen seien die sowjetischen repressiven Institutionen im Kern bestehen geblieben und bildeten seit Beginn der Herrschaft Wladimir Putins wieder einen wesentlichen Pfeiler staatlicher Ordnung.
Die resultierende tief verankerte Verunsicherung äußert sich Gudkow zufolge in dem sehr geringen zwischenmenschlichen Vertrauen in der russischen Gesellschaft. Dies wiederum trage zur Zerstörung normativer Verhaltenserwartungen an andere bei. Es entstehe eine Zone normativer Unbestimmtheit, in der Ungewissheit über die eigenen Handlungen und die anderer dominiere. Dieser Zustand führe zu einem diffusen Angstgefühl und ständiger Angespanntheit innerhalb der Gesellschaft, in der weder auf Solidarität noch rechtsstaatlich funktionierende Institutionen vertraut werden könne.
Die staatliche Propaganda nutze dies und schaffe einen Raum, der von den Ängsten der Menschen gefüllt werden könne. Jener Ängste haben laut Gudkow verschiedene Auswirkungen auf die soziale Ordnung. Staatliche Gewalt werde von der breiten Bevölkerung als Naturgewalt akzeptiert, da die Zone normativer Unbestimmtheit ein Vakuum schaffe, das der Staat nach seinem Willen ausfüllen kann. Angst um sich selbst und seine Familie führten zu Konformismus und Hyperloyalität. Man identifiziere sich mit dem Täter (Stockholm-Syndrom), legitimiere ihn und verdränge anderes Wissen. Solidarität innerhalb der Bevölkerung und sozialer oder politischer Wandel aus der Gesellschaft heraus werde immer schwieriger.
Protokoll: Jonathan Wich
