Russische Soldaten in St Petersburg, 2011. Quelle: Creative commons; flickr.com/photos/mymuk/
Hunderttausende Männer führen im Auftrag des Kreml einen brutalen Krieg in der Ukraine. Seit vier Jahren versuchen sie, ihr Nachbarland zu vernichten. Früher oder später werden sie – verroht, gewaltbereit und schwer traumatisiert – in ihre Heimat zurückkehren. Diese Männer wieder in die Gesellschaft zu integrieren gehört zu den größten Herausforderungen für Wladimir Putins Regime. Lesen Sie den Bericht über unser Briefing dazu von Ulrike Gruska.
Weder nach zehn Jahren Kampf in Afghanistan noch nach zwei Kriegen in Tschetschenien war Russland mit einer derartigen Masse an Rückkehrern von der Front konfrontiert. Experten schätzen ihre Zahl bei einem Online-Briefing der Deutschen Sacharow Gesellschaft auf knapp eine Million. All diese ehemaligen Kämpfer wieder ins zivile Leben zu integrieren, dafür reiche weder das Geld im Staatshaushalt, noch sei der Markt darauf vorbereitet, sagt Andrej Kolesnikow, der in Moskau für die regierungskritische Nowaja Gaseta arbeitet – von der fehlenden historischen Erfahrung ganz zu schweigen. „Die Regierung sieht dieses Problem, weiß aber nicht, was sie tun soll“, so der Journalist.
Vorerst genießen die SWOschniki, wie die Rückkehrer nach der Abkürzung für die angebliche „militärische Spezialoperation“ in der Ukraine genannt werden, diverse Privilegien: Sie erhalten Kredite zu besseren Bedingungen und gebührenfreie Studienplätze für ihre Kinder. In Schulen und Kindergärten erzählen sie vom Dienst an der Front, bei Paraden und an Festtagen werden sie bejubelt. „Die soziale Norm lautet: Diese Männer haben unsere Heimat verteidigt, sie sind Helden“, sagt Kolesnikow.
Die Mehrheit der Bevölkerung – laut dem unabhängigen Meinungsforschungsinstitut Lewada rund 60 Prozent – hält sich an diese Norm und zollt den Zurückgekehrten zumindest nach außen hin Respekt. Doch unter der Oberfläche mehren sich die Spannungen: Medien berichten über Gewalttaten, die Rückkehrer verüben und für die sie oft nicht belangt werden. Fast 40 Prozent der Menschen, auch das zeigen Umfragen des Lewada-Zentrums, erwarten „zunehmende Konflikte und Kriminalität“, wenn die Ex-Soldaten zurückkehren. Jene wiederum beklagen das unterkühlte Verhältnis vieler Menschen ihnen gegenüber.
Kein Mitleid für Vertragssoldaten
Das gesellschaftliche Mitgefühl für die Rückkehrer halte sich in Grenzen, analysiert der in Wien lebende Politologe Kirill Rogow, denn die Bevölkerung betrachte die in der Ukraine Kämpfenden in erster Linie als eine Armee von Söldnern. „Putins Propaganda über einen großen Kampf gegen den Faschismus ist Fiktion, und die Leute wissen das“, meint er. „Sie wissen, dass es nicht ums Überleben ihres Landes geht, sondern um Geld.“
Wer sich vom Militär anwerben lasse, so Rogow, erhalte direkt bei der Vertragsunterzeichnung bis zu 1,5 Millionen Rubel (rund 17.000 Euro) – ein durchschnittliches Jahresgehalt. Der anschließende Sold sei doppelt so hoch wie das mittlere Einkommen. Noch größere Kompensationszahlungen gibt es bei schweren Verletzungen oder gar Tod des Soldaten. „In jeder russischen Familie gab es die Diskussion: Schicken wir unseren Sohn für Geld in den Krieg oder nicht?“, weiß Rogow.
Wer sich dafür entschied, sprang auf der sozialen Leiter gleich mehrere Sprossen nach oben: konnte sich ein Auto kaufen, das Haus renovieren, der Enkelin ein Smartphone schenken. „Andere sagten sich: Lieber in Armut, dafür lebend und gesund“, beschreibt der Politologe – und diese Menschen fühlten sich denen gegenüber, die für viel Geld freiwillig ins Grauen zogen, zu nichts verpflichtet.
Rückkehrer können nicht Fuß fassen
Diese Distanz spüren die zurückkehrenden Männer. Darüber berichtet der Journalist und Autor Iwan Filippow, der hunderte Telegram-Kanäle auswertet, in denen sich Frontsoldaten und Rückkehrer über Alltagsprobleme austauschen. Viele beklagten sich darüber, herablassend als SWOschniki bezeichnet zu werden statt respektvoll als Veteranen, berichtet Filippow.
Viele Rückkehrer fänden keine Arbeit – schon gar nicht zu einem auch nur annähernd so hohen Gehalt wie in der Armee. Eine neue Regelung, die Arbeitgebern verbietet, Menschen, die in der Ukraine gekämpft haben, zu kündigen, mache es nicht einfacher. „Jetzt stellt sie erst recht niemand mehr ein“, beobachtet Filippow. „Sie gelten als Sicherheitsrisiko. Als Unberechenbare, die stehlen, schlagen, vergewaltigen.“
Von der Reserviertheit vieler Menschen gegenüber Rückkehrern berichtet auch Olesja, die ihren vollen Namen aus Sicherheitsgründen nicht nennt. Die Journalistin lebt in einer größeren Stadt im Ural, wo der Krieg – anders in Moskau und St. Petersburg – allgegenwärtig ist. „Selbst Menschen, die Putin unterstützen, wollen mit den Männern, die von der Front kommen, nichts zu tun haben“, sagt sie und erzählt von der Mutter einer Freundin, die den Krieg gut und richtig findet – und ihrer Tochter gleichzeitig verbietet, sich mit Ex-Soldaten zu treffen.
Als Journalistin hat Olesja vor dem Großangriff auf die Ukraine vor allem über Kriminalfälle berichtet. „Jetzt laufen verurteilte Straftäter, die zum Teil durch unsere Recherchen hinter Gitter gekommen sind, frei herum“, sagt sie. Einer von ihnen habe ihr, zurück aus der Ukraine, geschrieben: „Ich habe mich mit meinem Blut freigekauft“.
Olesja erzählt von Frauen, die keine billigen Taxis mehr nehmen, weil die oft von Kriegsrückkehrern gefahren würden. Von Wohnungen, die im Preis fallen, wenn bekannt wird, dass ehemalige Kämpfer im gleichen Haus wohnen. Davon, wie die Menschen so tun als bemerkten sie nicht, wenn ein Mann in Camouflage ein Geschäft betritt. „Dabei bemerken ihn alle. Aber niemand will zu auffällig hinsehen, man will ihn nicht provozieren – wie früher bei den Schlägern im Hinterhof.“
Einsamkeit und Hass auf die Daheimgebliebenen
Kaum abschätzen lassen sich die psychischen Folgen des Krieges auf die Hunderttausenden Männer, die „durch den Fleischwolf gegangen sind“, wie es in Russland heißt. Wegen fehlender Rotation kämpfen Soldaten in der Ukraine auf beiden Seiten beispiellos lange. In den Kriegen in Vietnam, Afghanistan oder Tschetschenien hätte der Dienst an der Front in der Regel ein halbes bis ein Jahr gedauert, rekapituliert Filippow.
„Uns fehlt schlicht die Erfahrung, was mit Menschen passiert, die jahrelang im Krieg sind“, sagt der Journalist. In den Telegram-Foren äußerten Soldaten „blanken Hass“ auf jene, die „friedlich leben, die jeden Tag ihre Frauen und Kinder sehen“, während sie selbst „durch die Hölle“ gingen. Die sozialen Spannungen nach Kriegsende werden enorm sein, da ist sich Filippow sicher.
Olesja, die in ihrer Stadt im Ural regelmäßig Kontakt zu Rückkehrern hat, berichtet von Soldaten, die freiwillig erneut an die Front gehen, weil sie im normalen Leben nicht Fuß fassen konnten. Dass sich viele Rückkehrer einsam und ausgeschlossen fühlen, wundert die Journalistin nicht. „Es will ja auch niemand wirklich mit ihnen reden. Niemand will Geschichten über ihre Gräueltaten hören, weil sie unerträglich sind“, sagt sie. Erzähle doch einmal jemand, wenn er zu viel getrunken habe, davon, was die russische Armee den Menschen in der Ukraine antun, „dann sind alle schockiert – und fragen garantiert nicht noch einmal nach“.
Enormes Gewaltpotential nach Kriegsende
Dazu kommen Spannungen der Zurückkehrenden untereinander. Journalist Filippow erinnert an die mehr als 200.000 Zwangsrekrutierten zu Beginn des Großangriffs. „Sie hatten keine Wahl, dienen wie Leibeigene und erhalten dafür keine hohen Gehälter.“ Neben den gut bezahlten Söldnern wiederum stehen verurteilte Straftäter, die sich mit dem Kriegsdienst aus dem Gefängnis freigekauft haben. Und noch etwas schürt Unzufriedenheit: An der Front, berichtet Filippow, würden Soldaten Kommandeuren teilweise horrende Bestechungsgelder zahlen, um nicht in einen Sturmangriff – und damit in den sicheren Tod – geschickt zu werden. Diesen korrupten Befehlshabern schwören sie auf Telegram Rache.
Was die verschiedenen Gruppierungen der Rückkehrern eint, ist ihr Gewaltpotential. Viele haben in der Ukraine gelernt, wie man aus einfachsten Mitteln tödliche Waffen baut, haben durch die Kameras ihrer Drohnen sehenden Auges Dutzende Menschen getötet. Dass sich diese gewaltbereiten Unzufriedenen politisch organisieren, lässt der Staat nicht zu. Was er zulässt, teilweise sogar zu befürworten scheint: dass sie sich zu Dutzenden der Russkaja Obschtschina („Russische Gemeinschaft“) anschließen, einer militanten rechtsextremen Gruppe, die einen aggressiven Nationalismus propagiert und gegen Migranten hetzt. „Ein Gefühl der Unsicherheit macht sich breit“, fasst die Journalistin Olesja zusammen.
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