Gibt es ein Recht auf Trauer?

von | 5. Sep. 2026 | Aktuell, Essay

Krieg bedeutet unweigerlich Sterben und Tod. Die russische Kulturwissenschaftlerin und Sacharow-Stipendiatin Swetlana Eremeeva (Jeremejewa) beschreibt in ihrem Essay, wie die Trauer über die Gefallenen von kriegführenden Regimen unterschiedlicher Epochen instrumentalisiert wurde.
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Angesichts der Verletzung grundlegender Bürgerrechte und Freiheiten im heutigen Russland mag der Gedanke eines Rechts auf Trauer zunächst befremdlich erscheinen. Im 1966 verabschiedeten “Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte”, besser bekannt als UN-Zivilpakt, wird ein solches Recht nicht erwähnt. Dennoch scheint sich in einer sich wandelnden Welt ein entsprechendes gesellschaftliches Bedürfnis herausgebildet zu haben.

Zeit neuer Gleichgewichte

Der Widerspruch zwischen dem modernen Verständnis des Menschen in der Gesellschaft und dem wiederkehrenden Anspruch des Staates auf die Erinnerung an die Toten trat nach dem 11. September 2001 besonders deutlich hervor. Der Konflikt zwischen einer starken Gesellschaft und einem starken Staat nahm in den USA öffentlich sichtbare Formen an. Die Regierung in Washington bemühte sich, die Toten zu einem Teil eines nationalen Narrativs zu machen, das an Stolz und Vergeltung appellierte. In einer solchen Perspektive wurden konkrete Menschen ununterscheidbar; die Fülle ihres Lebens reduzierte sich auf das Opfer des “größten Terroranschlags”.

Die Gesellschaft dagegen wollte die Erinnerung an jeden Einzelnen bewahren. Das Suchen nach einem Gleichgewicht zwischen persönlichem Leid und dem Gefühl eines nationalen Triumphs, der alle Schwierigkeiten überwunden habe, war kompliziert.

Im Argentinien des “Schmutzigen Krieges” der 1970er Jahre weigerte sich die Diktatur, die Existenz der “Verschwundenen” anzuerkennen. Die Mütter der Plaza de Mayo kämpften verzweifelt darum, ihr Leid, sich selbst und ihre verschwundenen Kinder öffentlich sichtbar zu machen. Mitte der 1980er Jahre begann zugleich der demokratische Übergang und die Exhumierung geheimer Massengräber. Es schien, als sei der Gegensatz zwischen dem Persönlichen und dem Staatlichen überwunden. Und gerade in diesem Moment spaltete sich die Bewegung: Die einen verlangten die Möglichkeit, die Toten endlich zu betrauern; die anderen waren bereit, auf persönliche Trauer zu verzichten, um ein staatliches Schuldeingeständnis zu erreichen.

In Spanien hingegen versuchte der Staat die Erinnerung an jene, die “für Gott und Vaterland gefallen” waren, ausschließlich für sich zu beanspruchen. Das Amnestiegesetz von 1977, häufig als „Pakt des Vergessens“ bezeichnet, bestätigte diese Sichtweise. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts begann die „Generation der Enkel“ jener, die im Bürgerkrieg ums Leben gekommen waren, eine Kampagne zur Identifizierung und Umbettung der Toten. Erneut gingen die Meinungen darüber auseinander, wer die Toten bestatten und ihrer gedenken solle: die Angehörigen oder die Nachfolger.

Die Ethik der Trauer

Im 20. Jahrhundert, dem Jahrhundert zweier Weltkriege, veränderten neue Waffen das Ausmaß menschlicher Verluste grundlegend. Gleichzeitig gewann das einzelne menschliche Leben in den gesellschaftlichen Vorstellungen an Wert. Massensterben hinterließen einen tiefen Eindruck in der kollektiven Vorstellungswelt. Der politische Kult um gefallene Soldaten wurde zu einem Bestandteil nationaler und staatlicher Selbstformung; zum Wahrzeichen dafür wurde das Grab des unbekannten Soldaten.

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts entstand jedoch der Verdacht, dass die politische Vereinnahmung der Gefallenen nicht die einzig mögliche Form des Umgangs mit solchen Toten sei. Zum Sinnbild dieser Überlegungen wurde Antigone – die mythologische Figur, die ihren gefallenen Bruder gegen den Willen der Herrschenden auf würdige Weise bestattete und dafür mit dem eigenen Leben bezahlte. Ethische Fragen wurden damit Teil der Analyse von Macht.

Ich möchte auf die unterschiedlichen sozialen Ebenen der Reaktion auf den Tod aufmerksam machen. Auf persönlicher Ebene existiert die emotionale Erfahrung des Verlusts eines nahestehenden Menschen – das Leid. Auf gesellschaftlicher Ebene entsteht Trauer: Sie formt eine Gemeinschaft der Trauernden, deren gemeinsame Anstrengungen auf die Wiederherstellung sozialer Ordnung gerichtet sind. Die Handlungen offizieller Institutionen lassen sich als Trauerpolitik begreifen; sie kann zu einem Instrument der Machtausübung werden.

In der modernen Welt verschiebt sich die Grenze zwischen Öffentlichkeit und Privatheit ebenso ständig wie die Grenze des Politischen selbst. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts spielte die Umwandlung individuellen Leids in staatliche Trauer einen wichtigen Beitrag zur Festigung nationaler Einheit. Doch gegen Ende des Jahrhunderts, im Jahr 1998, wurde eines der vier Gräber des unbekannten Soldaten auf dem Nationalfriedhof Arlington – das Grab eines im Vietnamkrieg Gefallenen – zu einem Kenotaph, zu einem symbolischen leeren Grab. Der letzte nicht identifizierte Tote war identifiziert worden, und seine Angehörigen holten ihn zurück, um ihn gemeinsam mit anderen Familienmitgliedern zu bestatten.

Gefallene finden keine Ruhe

All dies steht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem heutigen Russland und dem von ihm begonnenen Krieg gegen die Ukraine. Die im Krieg Gefallenen bilden stets eine besondere Kategorie von Toten. Selbst nach ihrem Tod finden sie keine Ruhe.

Die Behörden bemühen sich, die Ebene kollektiver Trauer aufzulösen, indem sie persönliches Leid durch einen offiziellen Trauerdiskurs verdrängen. Zugleich versuchen sie, das Ereignis selbst möglichst unsichtbar zu machen und an die Peripherie des physischen wie des medialen Raums zu verschieben.

Die Mütter der in Afghanistan gefallenen Soldaten kämpften während der Perestroika lange dafür, den Tod ihrer Söhne sichtbar zu machen. Ihr Erfolg war nur von kurzer Dauer. So ließ die Stadtverwaltung von Syktywkar in der Republik Komi 2013 beim Bau eines neuen Gebäudes des Inlandsgeheimdienstes FSB die “Allee der Afghanistankämpfer” im Stadtzentrum fällen, in der jeder Baum einem konkreten Soldaten gewidmet gewesen war. 2025 eröffnete sie stattdessen eine “Allee der Helden der militärischen Spezialoperation” auf einem Friedhof außerhalb der Stadt.

Die Gefahr gemeinsamer Trauer erkannte der Duma-Abgeordnete Andrej Lugowoi (der 2006 den Überläufer Alexander Litvinenko in London ermordete), als er die Organisation Memorial – welche die politischen Repressionen in der Sowjetunion untersucht und heute in Russland als „extremistisch“ verfolgt wird – beschuldigte, “jahrzehntelang im Auftrag an der Zerstörung des Landes mittels Erinnerung und Trauer gearbeitet” zu haben.

Trauer ist allerdings für alle Seiten unbequem. Unter den heutigen Bedingungen existiert Öffentlichkeit in Russland fast ausschließlich im Internet. Ein Raum gesellschaftlicher Trauer hat sich dort auch nach vier Kriegsjahren nicht herausgebildet. Die “eigenen” und die “fremden” Toten führen ihren Krieg gegeneinander fort. Angehörige erhalten unter Todesmeldungen sowohl mitfühlende als auch beleidigende Kommentare.

Im Februar 2024 wurde in der südrussischen Stadt Astrachan ein Denkmal für gefallene Teilnehmer der “militärischen Spezialoperation” eröffnet. Die von der Stadtverwaltung zusammengestellte Namensliste erwies sich um mehrere hundert Namen länger als jene Liste, die Menschenrechtsaktivisten auf Grundlage offener Quellen erstellt hatten. Das bedeutet: Etwa ein Drittel der Todesfälle wurde von den Angehörigen bewusst zur Privatsache gemacht. Leid verlangt allerdings immer nach sozialer Legitimation. Ansonst bleiben Menschen endgültig alleine mit ihrem Schmerz.

„Der Raum der Trauer ist ein Raum des Respekts“

Der Raum der Trauer ist ein Raum des Respekts vor dem Leid anderer. Menschen haben ein Recht auf Leid – unabhängig von ihren politischen Überzeugungen und Lebensentscheidungen. Die Anerkennung dieses Rechts ist keine Frage gemeinsamer Werte oder von Empathie; sie ist eine Frage des Respekts. Der Widerstand gegen einen entpersonalisierenden Staat vollzieht sich genau auf diese Weise. Zivilgesellschaft entsteht dort und dann, wo und wann jeder Tod Bedeutung besitzt und jeder Tote betrauert werden kann.

Swetlana Eremeeva (Jeremejewa) ist Kulturwissenschaftlerin und hat unter anderem an der renommierten Moscow School of Social and Economic Sciences („Schaninka“) unterrichtet, die seit 2018 Ziel von massiven Repressionen des Regimes ist und 2025 ihre Lizenz verlor. Derzeit unterrichtet sie online and der Freien Universität Moskau. Voriges Jahr erhielt sie ein Andrej-Sacharow-Stipendium für Geistige Freiheit an der Ruhr-Universität Bochum. Ihr vielbeachtetes Buch „Tote Zeit“ (Mjortwoje Wremja) ist 2023 bei Freedom letters erschienen.

Sacharow-Stipendien für russische Kultur­wissen­schaft­lerinnen

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