Mit antiwestlicher Demagogie und Militarisierung in allen Lebensbereichen hält der Kreml die russische Gesellschaft auf Kriegskurs und sorgt für den eigenen Machterhalt, schreibt das Lewada-Zentrum in einer von der Deutschen Sacharow Gesellschaft in Auftrag gegebenen Studie. Dabei sorgt der Trump-Effekt für interessante Veränderungen im Amerika-Bild.

Die Studie wurde am 27. Januar 2026 von Lew Gudkow, wissenschaftlicher Direktor des Lewada-Zentrums, in Berlin vorgestellt.Moderiert wurde die Veranstaltung von Sabine Adler (Deutschlandfunk).
Zusammenfassung
1. Repressive Diktaturen sind jetzt die Freunde Russlands
Als Hauptfeinde Russlands gelten derzeit diejenigen Länder, die die Ukraine gegen den russischen Angriffskrieg unterstützen – die europäischen Industrienationen sowie – bis Anfang 2025 – die USA. Unter den Ländern, die von der russischen Propaganda und von der gelenkten russischen Öffentlichkeit als „befreundet” angesehen werden, stehen Regime mit einem stark repressiven Charakter an der Spitze – Nordkorea, China und Iran. Es folgen Indien und die Türkei, deren Politik gegenüber Russland weniger „freundschaftlich” als „neutral” ist.
2. Trump verbessert das Image der USA – aber nur wenn er Frieden verspricht
Als Donald Trump versprach, den Krieg mit der Ukraine sofort zu beenden, gab es einen deutlichen Rückgang der negativen Einstellung in Russland gegenüber den USA. Die positiven Bewertungen des US-Präsidenten schossen auf 51 Prozent – 2021 waren es noch 22 Prozent. Trump wurde zur Personifizierung der Illusionen der russischen Bevölkerung, die den Glauben verloren hat, Einfluss auf die Entscheidungen ihrer Führung zu nehmen. Die pro-Trump-Propaganda russischer Medien führte dazu, dass viele Menschen in Russland den US-Präsidenten als jemanden sahen, der mit Russland sympathisiert und in der Lage ist, Kyjiw zur Annahme einer Kapitulation zu zwingen. Aber schon im Herbst 2025, als Trump seinen Ton änderte und greifbare Ergebnisse in den Friedensverhandlungen ausblieben, kehrt die gewohnte Unzufriedenheit mit Washington allmählich zurück.
3. Das russische Deutschlandbild bleibt schlecht
Bis 2014 wurde Deutschland als das russlandfreundlichste der westlichen Länder wahrgenommen. Nach der Verurteilung der Krim-Annexion und der Verhängung von Sanktionen gegen Russland durch die westliche Gemeinschaft verschlechterte sich das Verhältnis – jedoch nicht so stark wie zu Großbritannien und den USA. Das änderte sich erst nach der Großinvasion von 2022, die in Russland eine weitere Verstärkung der antiwestlichen Propaganda aus. Bereits im Mai 2022 erreichten die negativen Bewertungen Deutschlands in der russischen Öffentlichkeit 66 Prozent – ähnlich hoch wie die der USA und Großbritanniens. Und als wegen Trumps Ankündigung eines Friedensabkommens die Feindseligkeit gegenüber Washington abnahm, blieben die Einstellung gegenüber den EU-Ländern, einschließlich Deutschland, unverändert.
4. Der Westen wird zugleich missbilligt und beneidet
Die russische Öffentlichkeit hat ein widersprüchliches Verhältnis zu den westlichen Ländern. Einerseits gibt es im Zusammenhang mit dem gescheiterten demokratischen Übergang tiefe Ressentiments. Andererseits gibt es Neid gegenüber den wohlhabenden Ländern Europas und den USA. Die konservative Revanche der politischen Kräfte Russlands, die daran interessiert sind, ihre Macht zu erhalten, hat zu einer drastischen Verschärfung der antiwestlichen Politik geführt. Mit dieser gingen antiliberale Propaganda sowie die Bildung eines autoritären Regimes einher, das immer repressiver und militaristischer wird.
5. Antiwestliche Propaganda hält die Gesellschaft zusammen
Die herrschende Elite, die sich aus ehemaligen Angehörigen der Geheimdienste und der politischen Polizei zusammensetzt, konnte ein Ende der in den 1990er Jahren entstandenen sozialen Spannungen erreichen. Erreicht wurde dies mittels der systematischen Diskreditierung rechtsstaatlicher Werte, von Demokratie und Freiheit, die mit Europa und den USA assoziiert werden. Die Lenkung der öffentlichen Meinung nach Putins Machtübernahme erfolgte vor allem mit antiwestlichen Ressentiments und dem Schüren von Angst vor einer Rückkehr zu Instabilität, Chaos und fallenden Lebensstandards. In der Propaganda wird das mit den Reformen der 1990er Jahre und dem Einfluss des bzw. der Abhängigkeit vom Westen in Verbindung gebracht.
6. Der Krieg gegen die Ukraine als logische Folge der Kreml-Politik
Die Kombination aus der permanent beschworenen Gefahr eines Dritten Weltkriegs und der Vorstellung, dass die westeuropäischen Länder, die USA und die NATO Russland gegenüber feindlich eingestellt sind, sichert weiterhin die massive Unterstützung der Bevölkerung für die russische Führung und ihren politischen Kurs. Der Krieg gegen die Ukraine ist kein zufälliger tragischer Konflikt, sondern die logische Fortsetzung der Kreml-Politik der „negativen Integration” von Gesellschaft und Staat. Die Militarisierung des Bewusstseins, der Gesellschaft, der Bildungs- und Sozialisationsinstitutionen, der Medien und der Wirtschaft sind notwendige Instrumente und Voraussetzungen für den Machterhalt der derzeitigen Elite, ohne die das politische System Russlands allmählich erodieren und letztlich zusammenzubrechen würde.

